Vortrag "Gratistageszeitungen hier und anderswo - Erfahrungen und erste Zwischenbilanzen"
Vortragende:
Igor Vobič
MSc. (University of Ljubljana)
Dr. Eva Dichand (Herausgeberin Heute, Wien)
Peter Rothenbühler (Chefredakteur Le Matin / Le Matin Bleu, Lausanne)
Dr. Nina Haas (Geschäftsführung ok, Graz)
Igor Vobič MSc. (University of Ljubljana)
Herr Vobič führt die Zuhörer mit seinem Vortrag "Free Print Media in Slovenia" durch die Zeitungslandschaft - allem voran mit Fokus auf Gratiszeitungen - von Slovenien. Bis zum Jahre 2000 waren ausländische Investoren am slovenischen Medienmarkt kaum zu finden - erst dann entdeckten jene Investoren die Möglichkeiten am Markt. Unter anderem Styria Verlag und Leykam sind mit den einzigen beiden Gratiszeitungen (Žurnal, Dobro Jutro) gut vertreten. Wichtige Eckpunkte zu den Gratiszeitungen in Slovenien:
- sie sind ganz und gar von Werbung abhängig
- Krise in der journalistischen Identität, da die Grenzen zw. Werbung und Journalismus verschwimmen
- der Platz des Journalismus im Politik, Kultur und Wirtschaft wird neu definiert
Dr. Eva Dichand
Die Herausgeberin der Gratiszeitung "Heute" spricht viel von ihrem Blatt, das sich in Wien, Nieder- und Oberösterreich und der Steiermark großer Beliebtheit erfreut. Aus ihrer Sicht hinken Gratiszeitungen den so genannten Qualitätsmedien kaum hinterher: laut aktuellen Studien verbringen Leser rund 20 Minuten bei einer Gratiszeitung, Leser von Standard oder Presse allerdings nur 3 Minuten mehr. Der Clou ist es, Information an die Zeit von 6 bis 9 Uhr morgens, wenn die Hauptzielgruppe der Gratiszeitung unterwegs nach Büro, Schule oder Universität ist, anzupassen. Auf nicht mehr als 32 Seiten wird die gleiche Menge an Information, wie man sie zB in einem Qualitätsmedium findet, kurz dargestellt, weiters gibt es lokale Sektionen, die in der jeweiligen Bundeslandredaktion (Wien, Linz, St. Pölten, Graz) produziert, ein kurzer Sportteil sowie ein Szene-Teil und - unabdingbar bei Gratiszeitungen - die Anzeigen.
Inserenten entdecken nun immer mehr das Potential der Gratiszeitungen, vor allem wenn es um das Erreichen der 16-25jährigen geht. Studien zeigen, dass kaum ein anderes Medienformat ähnliche Reichweiten haben, wie Gratiszeitungen => einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für Gratiszeitungen.
Peter Rothenbühler
Der Chefredakteur von Le Matin und dem Gratiszeitungspendant Le Matin Bleu erzählt vom zwiegespaltenen Berufsleben als Journalist einer Kaufzeitung einerseits und einer Gratiszeitung andererseits. Ganz besonders geht er ein auf die Qualität eines Journalisten: ein Journalist braucht eine gute Nase für gute Storys - denn diese werden wichtig bleiben, egal wie sich die Technologie entwickelt -, ein Journalist braucht eine gute Feder und gute Ausbildung. So wird es auch nach Meinung Herrn Rothenbühlers in vielen Jahren noch so sein, dass Journalisten diejenigen sein werden, die noch in den Redaktionen sitzen werden - auch wenn alle anderen durch Outsourcing in allen Ecken der Welt zu finden sein werden.
Zu den Gratiszeitungen spricht Herr Rothenbühler klare und ehrliche Worte, die die Anwesenden durchaus zum Schmunzlen brachten: Gratiszeitungen sind - das ist indiskutabel - sehr, sehr erfolgreich. Als Grund wird angeführt, dass Gratiszeitungen endlich das bringen, was Leser wirklich wollen: Alle Neuigkeiten kurz und bündig zusammengefasst, ohne Kommentare, ohne Meinungen der Journalisten. Leser wollen keine Hintergrundberichte, Leser wollen Sachlichkeit und schneller Verfügbarkeit.Rothenbühler sagt, dass der Durchbruch der Gratiszeitungen "eine Niederlage für die intensiv gepflegte Überheblichkeit und Arroganz der Verleger und Journalisten".
Journalisten werden gerügt: nicht sie sollen es sein, die bestimmen, was die Menschen lesen und wissen sollen, wie sie zu erziehen sind - das ist geradezu eine Beleidung für Journalisten, aber es ist wahr.
Dr. Nina Haas
Frau Dr. Haas, Mitglied der Geschäftsführung der Gratiszeitung "OK" in Graz, spricht über ihr Blatt und erläutert Zahlen und Fakten. "OK" ist der größte Konkurrent der Gratiszeitung "Heute" und hat sich im Laufe des letzten Jahres sehr gut etabliert und beweist sich mit 172.000 Lesern durchaus am Zeitungsmarkt. Vor allem junge und erstaunlicherweise auch größtenteils weibliche Leser gehören zur Zielgruppe von "OK". Durch diese Erschließung neuer Lesergruppen in Graz, Villach und Klagenfurt werden vor allem auch jene Menschen erreicht, die vorher eher zu Nichtlesern zählten. "OK" findet man in rund 300 Entnahmeboxen in Steiermark und Kärnten.
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